Volkentscheid zur Schulreform – Klassenkampf in Hamburg?

Der Volksentscheid in Hamburg offenbart ein paar interessante Zusammenhänge. Es ging darum um eine Schulreform, die von der schwarz-grünen Koalition dort angestoßen wurde. Ziel war es, dass Schüler bis zur 6. Klasse gemeinsam lernen und dann danach auf das Gymnasium oder die Stadtteilschule gehen. Eine etwas undurchsichtige Elterninitiative um Frontmann Walter Scheuerl mit dem Namen „Wir wollen lernen“ hatte sich zum Ziel gesetzt die Reform auf jeden Fall zu verhindern. Letztendlich ist das auch gelungen. Eine Mehrheit stimmte am vergangenen Sonntag gegen die Reform. Dabei war die Reform von der Idee nicht schlecht, denn die Auslese der Schüler nach der 4. Klasse wird häufig als eine soziale Auslese gesehen. Tatsächlich besuchen Kinder aus der Oberschicht tatsächlich deutlich häufiger das Gymnasium als Kinder aus Arbeiterfamilien. Es scheint als ist es der Initiative „Wir wollen lernen“ gelungen mit einer teuren PR-Kampagne die Meinung zu ihren gunsten zu beeinflussen. Wie weit das tatsächlich der Fall war wird Spekulation bleiben. Die Tatsache, dass sie ihre Spendenquellen im dunklen hält, wirft aber die Frage nach dem Sinn solcher basisdemokratischen Abstimmungen auf, wenn es gesellschaftliche Gruppen gibt, deren Macht im Gegensatz zu anderen kampagnenfähig ist, und die somit gezielt Einfluss auf die Meinungsbildung nehmen können. Schon reden die ersten vom Klassenkampf und unterstellen der Elterninitiative eine elitäre Abgrenzungsstrategie gegenüber der Unterschicht zu verfolgen. So ein Verdacht mag schnell aufkommen wenn man an die Rhetorik und Politik mancher Vertreter der Oberschicht oder der Regierung denkt (Kristina Schröder, Sarazzin). Andererseits zeigt diese Abstimmung die ganze Absurdität des deutschen Bildungssystems bei dem jedes Bundesland eigens das Schulsystem ändern kann. Manch einer der mit Nein gestimmt hat, hatte vielleicht einfach keine Lust, dass ich seine Kinder bei einem Umzug von Barmbek nach Buxtehude an ein neues Schulsystem gewöhnen müssen.

Auffallend ist auch, dass sich die Unterschicht und wirtschaftlich schwächer gestellte Haushalte mit Kindern, denen die Reform eigentlich zu Gute kommen sollte,  kaum an der Abstimmung beteiligt haben, was folgende Karten zeigen. Man kann auch sagen, dass Stadtteile mit hohem Durchschnittseinkommen eine höhere Wahlbeteiligung hatten. Auffallend ist die starke räumlich Segregation unterschiedlicher Einkommen in Hamburg: Das Durchschnittseinkommen je Steuerpflichtiger in Hamburg-Veddel beträgt nur 17.000 €. Im krassen Gegensatz dazu stehen astronomische 150.000 € in Nienstedten. Interessant ist auch, dass sich die Anzahl der Schüler im Stadtteil anscheinend nicht auf die Wahlbeteiligung ausgewirkt hat.

Die Karten stammen vom Statistikamt Nord.

Wahlbeteiligung beim Volksentscheid in den Hamburger Stadtteilen

Wahlbeteiligung beim Volksentscheid in den Hamburger Stadtteilen

Durchschnittseinkommen je Steuerpflichtige in den Hamburger Stadtteilen

Durchschnittseinkommen je Steuerpflichtige in den Hamburger Stadtteilen

Anteil Leistungsempfänger nach SGBII in den Hamburger Stadtteilen

Anzahl Schüler in den Hamburger Stadtteilen

Anzahl Schüler in den Hamburger Stadtteilen

ein weiterer Vergleich hier

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Eingeordnet unter Bildung, Politik

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